In Erinnerungen stolpern

In Leipzig fand vom 28.6.-5.7.2015 wieder eine jüdische Woche statt. In Vorbereitung des Gottesdienstes für die Entschlafenen brachen einige Leipziger Geschwister zu einem kleinen Stadtrundgang der besonderen Art auf.

Sie suchten gezielt nach Stolpersteinen jüdischer Leipziger Bürger. Seit April 2006 erinnern in Leipzig so genannte „Stolpersteine“ an verschiedenen Orten an ehemalige Bewohner der Stadt, die vom Nazi-Regime verfolgt, deportiert und schließlich zu Tode gekommen waren. Inzwischen gibt es in Leipzig 202 dieser Stolpersteine. Sie werden vom Kölner Bildhauer Gunter Demnig verlegt, der ähnliche Projekte bereits in mehr als 50 anderen Städten betreut.

An der Thomaskirche beginnend, machten sich die interessierten Geschwister in sengender Nachmittagshitze auf den Weg zur Synagogengedenkstätte. Die Grundrisse des in der Pogromnacht 1938 vernichteten Gotteshauses werden eindrucksvoll künstlerisch dargestellt. 140 bronzene Stühle waren am Vortag zu einem Schabbat-Gottesdienst genutzt worden.

Weiter führte der Weg zu vielen Stolpersteinen und somit Familienschicksalen unfassbaren Ausmaßes. Als Beispiel soll hier die zehnköpfige Familie Rodoff erwähnt werden. Die Eltern hatten zwar für alle Familienmitglieder Visa für die USA beantragt, aber nur 3 Visa bekommen. Auch die bürgende Verwandtschaft in Amerika konnte da nicht weiterhelfen. So hatten die Eltern die schwere Entscheidung zu treffen, wer ausreisen durfte und wer nicht. Der einzige Sohn Max und seine beiden jüngeren Schwestern Ruth und Miriam verließen am 31. Mai 1941 Deutschland und gelangten über Lissabon mit dem Schiff nach New York. Sie waren damals 16, 15 und 13 Jahre alt. Alle anderen Familienmitglieder kamen in Riga oder Auschwitz um, vom Vater bis zum jüngsten vierjährigen Kind.

Mit einem selbst gestalteten Licht und Blumen wurde derer gedacht, deren Schicksale durch die Stolpersteine nachweisbar und transparent wurden, auch wenn es nur ein kleiner Einblick sein konnte, denn allein in Leipzig fielen 14.000 jüdische Bürger dem Faschismus zum Opfer.

Seit 1992 werden von der Stadt Leipzig ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger zur jüdischen Woche eingeladen. Doch viele der Überlebenden haben nie wieder deutschen Boden betreten können.

S.K. / Fotos: T.K.